Archiv für den Monat August 2013

Chelsea Manning, oder: Der Hang zum Biologismus

Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: der Mensch, den die Öffentlichkeit als Bradley Manning kannte und für seine Enthüllungen für WikiLeaks entweder gefeiert oder gehasst hat, hat gestern Folgendes erklärt:

„I am Chelsea Manning. I am a female. Given the way that I feel, and have felt since childhood, I want to begin hormone therapy as soon as possible. I hope that you will support me in this transition. I also request that, starting today, you refer to me by my new name and use the feminine pronoun […]“ (das ganze Statement u.a. hier)

Damit sollte der Fall eigentlich klar sein: Chelsea Manning bringt klar zum Ausdruck, wer sie ist, ja, schon immer gewesen ist; und dass sie bitte entsprechend angesprochen werden möchte. Zwei meiner englischen Lieblingszeitungen, der Guardian und der Independent, kommen dieser naheliegenden Bitte (in meinen Augen: logischerweise) auch umgehend nach und schreiben in ihren Artikeln „she“ (siehe hier bzw. hier).

Doch scheinbar sollte man auch in Gesellschaften, die das Recht eines jeden Menschen auf freie Selbstbestimmung gebetsmühlenartig betonen, nicht „zu viel“ erwarten – und inwieweit wir es hier überhaupt mit „freier Selbstbestimmung“ zu tun haben, werde ich später kurz thematisieren. Jedenfalls sieht der Telegraph keinen Grund, Manning als das zu akzeptieren, was sie ist, und schreibt ihr konsequent ein Geschlecht auf den Leib, das sie nie hatte (was sich in der Mitte des Artikels dann doch ändert – zumindest den Vorwurf der Inkonsequenz muss sich der Telegraph aber gefallen lassen).

Wer das nun für ein Phänomen der eher konservativen Presse hält, wird spätestens im internationalen Vergleich eines besseren belehrt: in Frankreich wird das Beharren der linken „Libération“ auf die „männlichen“ Pronomen noch von der liberalen „Le Monde“ übertroffen, die direkt titelt: „Bradley Manning: <<Je suis Chelsea. Je suis une femme.>>“ , womit Chelsea Mannings natürlichste aller Aussagen als bloßes Statement eines „Bradley“ verkauft wird – von der auch hier zu beobachtenden konsequenten Verwendung des „il“ ganz zu schweigen. Und alle Vorzeigepatrioten wird besonders freuen, dass die Situation in Deutschland noch schlimmer aussieht: während viele Websites der großen Zeitungen nur mit einem kurzen Video berichten, legt die „Zeit“ die gleiche „pronomenbezogene Ignoranz“ an den Tag wie viele Medien aus anderen Ländern. Die Spitze des Eisberges ist die Schlagzeile des „manager magazin“: „Bradley Manning erklärt sich zur Frau“.

Warum ich das schlimm finde? Weil einem Menschen hier schlicht verwehrt wird, er selbst zu sein. Und „er“ ist in diesem Fall „sie“. Selbst wenn es sich um eine freie Entscheidung handelte – und das ist mehr als fraglich – hätte in einer fortschrittlichen Gesellschaft niemand das Recht, Manning vorzuschreiben, wie sie zu leben hat. Da ich aber davon ausgehe, dass Mannings Aussage stimmt und sie sich bereits als Kind als Frau gefühlt hat, werden hier also biologische Merkmale instrumentalisiert, um einem Menschen seine „richtige“ Existenz zu verbieten (nämlich die, die dieser Mensch selber als seine empfindet). Nebenbei: ist das Gehirn (und das davon ausgehende „Geschlechtsempfinden“) nicht auch etwas sehr biologisches? Warum sollte das unwichtiger sein als Geschlechtsorgane?

Aber gehen wir einmal rein hypothetisch davon aus, Chelsea Manning hätte sich ohne jegliche Veranlagung von heute auf morgen dafür entschieden, als Frau zu leben. So unwahrscheinlich das auch sein mag: wie könnte das eine Rechtfertigung sein, einem Menschen seine Selbstbestimmung zu verweigern?

Diejenigen, die mit mir vor einem Jahr droit hatten, mögen das Argument des Naturrechtes bringen, um gegen „gesellschaftliche Beliebigkeit“ im Umgang mit Menschen zu argumentieren – im Extremfall mit dem Fakt, dass die Nazis den Juden das „Menschsein“ aberkannt haben, weshalb wir uns stärker an der Natur orientieren müssen. Ja, warum sagen wir dann nicht einfach, dass jeder Mensch ein Mensch ist? Und zwar unabhängig von Geschlecht, Aussehen etc. – denn, oh Wunder, auch die Nazis hatten „gute“ biologische Gründe, um die Unterlegenheit anderer „Rassen“ zu begründen. Rudolf Heß hat einmal gesagt, Nationalsozialismus sei nichts als „angewandte Biologie“, und bei allem Respekt vor den vielen Biologen, die viel Gutes für diese Welt tun: hat dieser Nazi-Verbrecher damit so Unrecht?

Ständig erscheinen Studien, die uns erzählen wollen, Frauen könnten weniger gut räumlich denken, Männer könnten schlechter emotional denken etc. Ganz davon abgesehen, dass das Klischee von „Jägern und Sammlern“ selbst inzwischen einigermaßen ins Wanken gerät, müssen wir uns doch eine ganz entscheidende Frage stellen: inweiweit sollen wissenschaftliche Erkenntnisse, so richtig sie auch sein mögen, unser gesellschaftliches Zusammenleben beeinflussen?

Sollen Männer nur noch als Fortpflanzungsmaschinen und auf dem Bau eingesetzt werden, weil sie (biologisch betrachtet) eher schwanzgesteuerte Kraftmonster sind? Ein Beziehungs- und Denkverbot wäre doch mal eine tolle Konsequenz. Und Frauen, die Auto fahren – ein Graus! Das können die doch räumlich gar nicht erfassen! Gut, dass Länder wie Saudi-Arabien solchen Undingen einen Riegel vorschieben. Und außerdem, mit dem belgischen Ackergaul darf man den edlen Lippizaner doch nicht kreuzen – warum erinnert mich das bloß an die „Reinheit des Blutes“, die schon einmal auf deutschem Boden gepredigt wurde?…

Eine Gesellschaft sollte Menschen als das betrachten, als das sie sich selber sehen. Eine Gesellschaft sollte Menschen die Möglichkeit geben, sie selbst zu sein. Eine Gesellschaft sollte Menschen die Möglichkeit geben, zu leben.

Faszinierende Schubladen

Nein, hier geht es ausnahmsweise nicht um die von mir bereits oft genug angegriffenen Schubladen, in die Menschen allzu gerne gesteckt werden. Menschen in Schubladen zu packen ist keine gute Idee – Dinge von ihnen oder über sie umso mehr (es sei denn, man ist von Beruf Geheimdienstler). Man vergisst diese Dinge, und irgendwann findet man sie wieder.

It’s a long walk down those tracks, it’s a dirty walk in, it’s a dirty walk back.

Wenn die Red Hot Chili Peppers es auch in einem anderen Kontext meinen: falsch ist das Zitat sicher nicht, wenn man in die eigene Vergangenheit schaut. Und da ich gestern Nacht mehr als genug Zeit zum Verwüsten der Schublade meines Nachttisches hatte (die definitiv meine Lieblingsschublade ist), entdeckte ich zwischen geschnorrten Pokémon- und Yu-Gi-Oh-Karten sowie alten Paninialben (Toy Story 2 hatte ich vollständig!) so einiges. Hier mögliche Schlussfolgerungen:

1. Postkarten sind klasse. Vor allem dann, wenn sie nicht bloß das übliche „Das Wetter ist toll“ enthalten, sondern individueller sind und einen bestimmten Zeitpunkt im Verhältnis zweier Personen festhalten, und sei es noch so sehr „zwischen den Zeilen“.

2. Gleiches gilt für Briefe. Wobei die natürlich noch krasser sind.

3. Man hätte nun auch nicht jede Telefonketten-Liste behalten und „aufräumen“ müssen.

4. J’ai constaté que la douleur était une bonne source d’inspiration. Treffender als Grand Corps Malade im sehr hörenswerten Slam-Track „Je Dors Sur Mes Deux Oreilles“ kann man es wohl kaum ausdrücken. Die besten Dinge schreibe ich in der Tat, wenn ich extrem down bin und/oder sauer auf Personen, die Welt oder einfach nur auf mich selbst bin.

5. Vieles ist zeitloser, als ich dachte. Einiges würde ich heute noch so schreiben, anderes nicht. Alles sind unglaublich wertvolle Momentaufnahmen.

6. Ich werde Schubladen im Allgemeinen und meine Nachttischschublade im Besonderen weiterhin pflegen. Eine bessere Konservierung (quasi wie durch Schockfrosten, höhö) kann es kaum geben.

Hell, it’s about time…

Ja, es wurde Zeit. Und während die StarCraft2-Nerds unter euch noch über den Titel dieses Posts schmunzeln (der rauchende Space Marine ist aber auch zu gut), hier einige Antworten auf die drängendsten Fragen nach dem was/warum/wann/womit-hab-ich-das-verdient dieses Blogs. Gehen wir diese Themen chronologisch durch:

Ein allseits beliebtes und auch von mir intensiv genutztes soziales Netzwerk ist schlicht nicht die Plattform für all das, was ich mir gerne vom Herzen schreiben würde. Wer jetzt einwendet, bei meiner inflationären Posting-Rate hätte die Hälfte meiner Freunde in besagtem Netzwerk sowieso schon das automatische Verbergen meiner Beiträge aktiviert – jap. Aber die andere Hälfte, die mindestens einen von 100 Posts liest, wird wahrscheinlich bereits einen Rückgang „persönlicher“ Beiträge zugunsten politischer sowie (ab und an) musikalischer und manchmal auch fußballbezogener Inhalte festgestellt haben. Das sind alles Dinge, die mich beschäftigen, aber sie sind nicht alles. Während mein politischer Mitteilungsbedarf wohl weiterhin in besagtem Netzwerk seinen Ausdruck finden wird (teilweise aber sicher auch hier), wird ein Gutteil des Restes in diesem Blog landen. Die überwältigende Mehrheit selbst derjenigen, die meinen Beiträgen noch loyal folgen, wird sich zwar kaum hieher verirren, an alle, die es doch tun (und an alle anderen): fühlt euch wie zuhause, holt euch einen guten Drink, und vergesst das Eis nicht.

Okay, das „was“ und das „warum“ sind schon etwas ineinander übergegangen. Da sich dieses Muster bis hierhin bewährt hat, wird in diesem Absatz also auch das „wann“ anfangen. Zunächst jedoch die Antwort zum „warum“ des Titels dieses Blogs: nachdem eine sehr gute Freundin von mir vor einiger Zeit ihre Begeisterung für Eiswürfelmaschinen geäußert hat (die ich absolut teile!), habe ich seit mittlerweile gut zwei Wochen auch privat mit Eis zu tun. Leider in erster Linie mit Kühlpacks, die nach meinen beiden Weisheitszahn-OPs auf meinen Hamsterbacken landen. Nachdem ich die zweite OP heute relativ unbeschadet überstanden habe und mich die daraus resultierenden Einschränkungen tierisch nerven, liegt es also durchaus nahe, die erzwungene Untätigkeit zumindest etwas abzumildern – und das soll hier geschehen. Womit wir beim „wann“ meiner Aktivitäten hier wären: in Zeiten der Untätigkeit, und wenn mir danach ist. Wie sich das entwickelt, bleibt abzuwarten.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich manchmal vor Ideen kaum retten kann und dann wieder (mehr oder minder) „kreative Pausen“ einlegen muss. Meine Posting-Rate wird das wahrscheinlich widerspiegeln.

Abschließend: Das „womit-hab-ich-das-verdient“ ist so wichtig, dass die Antwort darauf einen eigenen Absatz bekommt. Und diese Frage soll mit einem der sehr, sehr seltenen religiösen Bezüge auf diesem Blog beantwortet werden – wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Ich habe also Grund zur Annahme, dass ihr es nicht besser verdient habt. Aus purem Mitleid aber ein Pro-Tipp, falls meine Worte euch zu sehr fesseln: ALT+F4 bereitet dem Trauerspiel ein Ende.

In diesem Sinne, auf ein gutes Miteinander!

Enjoy cold.