Archiv für den Monat Januar 2015

Komplexität > Desinteresse, oder: fuck the norm!

Diesen Blogpost wollte ich in ähnlicher Form eigentlich schon letzten Sommer raushauen; irgendwie ist es dann doch nichts geworden (sorry, lieber Blog). Er ist auch jetzt nicht mehr oder weniger aktuell als damals, und es ist insgesamt sowieso nur das übliche appellierende, narzisstische Rumgeschreibsel, das ihr von mir kennt 😉

Aber erst mal doch etwas Aktuelleres: wie viele von euch ja sicher durch das liebe Fratzenbuch wissen, bin ich gerade von einem kurzen Couchsurfing-Trip in Portugal zurückgekommen. Die Freundlichkeit vieler Menschen, aber insbesondere der Leute, die wir direkt oder indirekt über Couchsurfing kennengelernt haben, war absolut überwältigend. Einen ähnlichen Eindruck hatte ich letzten Sommer in Salamanca, wo mir sowohl meine Gastmutter als auch das gesamte Personal der Sprachschule und die Mitschüler mit einem unglaublichen Interesse und einer riesigen Aufgeschlossenheit gegenübergetreten sind.

Doch diese Trips in Paradiese der Menschlichkeit (und damit meine ich eher die Institutionen / Menschengruppen als die Länder selbst – die kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür war ich nicht lange genug dort) kommen irgendwann zu einem Ende, und man findet sich in einem „breiteren“ Umfeld wieder, in Deutschland wie in Frankreich. Und dieses Umfeld ist hier wie dort viel zu oft von einer einzigen Eigenschaft geprägt: Desinteresse.

Und dafür muss ich nicht nach Dresden schauen, um da in Form der Pegida-Deppen am eindrucksvollsten vor Augen geführt zu bekommen, wie gerne sich manche Menschen über andere Menschen ein Urteil bilden, und zwar nur anhand von einigen Merkmalen, für die „die zu Beurteilenden“ nicht mal unbedingt verantwortlich sind. Dieses Problem ist viel alltäglicher und grundlegender.

Ich fang mal recht persönlich an: insbesondere in unserem heißgeliebten Schland werde ich von Arschlöchern direkt aufgrund von zwei nicht selbst gewählten Eigenschaften disqualifiziert – Name und Haarausfall. Ganz ehrlich, dümmer geht’s kaum. Aber leider hat das Ganze mehr Auswirkungen als dumme Sprüche (und auch deren Bandbreite reicht von „mir egal“ über „schon nervig“ bis „wirklich verletzend“). Wenn man mit Menschen zum ersten Mal redet und da direkt Sprüche kommen wie „Kevin? Haha, Assi“ oder „Glatze? Höhö, Nazi“ oder Sätze wie „also wenn ich Personalchef wäre, ich würde dich ja schon mal nicht einstellen“ oder sogar „hätte ich jetzt gerade nicht 10 Minuten mit dir geredet sondern wäre dir auf der Straße begegnet, ich hätte Angst gehabt und die Straßenseite gewechselt“, ist das nicht gerade geil. Alles vorgekommen, teils mehr als einmal. Und sowas tut, abhängig von Person und Situation, manchmal echt weh – geil oder lustig ist es nie.

Aber als heterosexueller, weißer, europäischer Mann habe ich in vielen Punkten immer noch die „privilegierten“ Karten gezogen. Ich finde es nur absolut inakzeptabel, dass diese Karten, diese Kategorien, eine Rolle spielen dürfen. Und das denke ich immer wieder, wenn ich den in Schland absolut alltäglichen Sexismus und Rassismus sehe, gleiches gilt für Antisemitismus, Islamophobie und eben auch (vielleicht weniger bedeutend, aber trotzdem ein Problem) „Lookism“ (hier im Sinne von alltäglicher Diskriminierung aufgrund des Aussehens – zu dick, zu krumme Nase, zu kurze Beine und eben auch die Frisur).

Wie mit solchen Dingen umgehen? Ignorieren und „In-sich-Hineinfressen“ wird zwar oft praktiziert, ist aber eigentlich keine Option – auch wenn man mit der Zeit im Überspielen immer besser wird, das werden einige kennen. Ganz gerne wird deshalb die positive Besetzung von Eigenschaften vorgeschlagen, also z.B. „hey, ich bin Moslem und trotzdem trink ich beim Fußball im Weserstadion ein Bier“ oder, in meinem Fall, „hey, Glatze, wie Jason Statham“ / „hey, Kevin, wie Kevin Spacey“. Das ist meistens nett, immer nett gemeint und definitiv besser als nichts, weil mühsam über Jahre aufgebaute Vorurteile langsam dekonstruiert werden. Aber es ist nur ein Anfang, und es ignoriert ein ganz gewaltiges Problem: was, wenn die „Betroffenen“ sich gar nicht über die dadurch endlich entideologisierten Merkmale definieren wollen?

Mir ist es – im Gegensatz zu manchen Deppen, denen ich begegne – absolut wurscht, dass ich Kevin heiße und Haarausfall hab. Vielleicht definiere ich mich z.B. darüber, um ein ganz einfaches Beispiel zu bringen, dass ich Faultiere cool finde. Und jemand, der schwul ist, betrachtet das vielleicht auch nicht unbedingt als seinen definierenden Lebensinhalt, sondern ist einfach ein leidenschaftlicher Fotograf. Einige Frauen zocken gerne, und das definiert sie vielleicht mehr als Brüste, oder? Und der Jude von nebenan geht vielleicht unglaublich gerne surfen, und das ist ihm viel wichtiger als die Religion, in die er hineingeboren wurde – und auch wenn es das nicht ist, können wir dann nicht noch viel Interessantes  über ihn und von ihm lernen?

Warum wollen so viele von uns das nicht sehen? Warum sind wir so oberflächlich, ja, so desinteressiert?

Weil es einfach ist.

Aber ich mag Komplexität. Und wenn du, lieber Lesender, die auch magst, dann lade ich dich herzlich ein, mit mir das zu leben und in die Welt rauszuschreien, was der große OZ (Friede seiner Asche) an tausende Wände geschrieben hat: fuck the norm!

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