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Komplexität > Desinteresse, oder: fuck the norm!

Diesen Blogpost wollte ich in ähnlicher Form eigentlich schon letzten Sommer raushauen; irgendwie ist es dann doch nichts geworden (sorry, lieber Blog). Er ist auch jetzt nicht mehr oder weniger aktuell als damals, und es ist insgesamt sowieso nur das übliche appellierende, narzisstische Rumgeschreibsel, das ihr von mir kennt 😉

Aber erst mal doch etwas Aktuelleres: wie viele von euch ja sicher durch das liebe Fratzenbuch wissen, bin ich gerade von einem kurzen Couchsurfing-Trip in Portugal zurückgekommen. Die Freundlichkeit vieler Menschen, aber insbesondere der Leute, die wir direkt oder indirekt über Couchsurfing kennengelernt haben, war absolut überwältigend. Einen ähnlichen Eindruck hatte ich letzten Sommer in Salamanca, wo mir sowohl meine Gastmutter als auch das gesamte Personal der Sprachschule und die Mitschüler mit einem unglaublichen Interesse und einer riesigen Aufgeschlossenheit gegenübergetreten sind.

Doch diese Trips in Paradiese der Menschlichkeit (und damit meine ich eher die Institutionen / Menschengruppen als die Länder selbst – die kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür war ich nicht lange genug dort) kommen irgendwann zu einem Ende, und man findet sich in einem „breiteren“ Umfeld wieder, in Deutschland wie in Frankreich. Und dieses Umfeld ist hier wie dort viel zu oft von einer einzigen Eigenschaft geprägt: Desinteresse.

Und dafür muss ich nicht nach Dresden schauen, um da in Form der Pegida-Deppen am eindrucksvollsten vor Augen geführt zu bekommen, wie gerne sich manche Menschen über andere Menschen ein Urteil bilden, und zwar nur anhand von einigen Merkmalen, für die „die zu Beurteilenden“ nicht mal unbedingt verantwortlich sind. Dieses Problem ist viel alltäglicher und grundlegender.

Ich fang mal recht persönlich an: insbesondere in unserem heißgeliebten Schland werde ich von Arschlöchern direkt aufgrund von zwei nicht selbst gewählten Eigenschaften disqualifiziert – Name und Haarausfall. Ganz ehrlich, dümmer geht’s kaum. Aber leider hat das Ganze mehr Auswirkungen als dumme Sprüche (und auch deren Bandbreite reicht von „mir egal“ über „schon nervig“ bis „wirklich verletzend“). Wenn man mit Menschen zum ersten Mal redet und da direkt Sprüche kommen wie „Kevin? Haha, Assi“ oder „Glatze? Höhö, Nazi“ oder Sätze wie „also wenn ich Personalchef wäre, ich würde dich ja schon mal nicht einstellen“ oder sogar „hätte ich jetzt gerade nicht 10 Minuten mit dir geredet sondern wäre dir auf der Straße begegnet, ich hätte Angst gehabt und die Straßenseite gewechselt“, ist das nicht gerade geil. Alles vorgekommen, teils mehr als einmal. Und sowas tut, abhängig von Person und Situation, manchmal echt weh – geil oder lustig ist es nie.

Aber als heterosexueller, weißer, europäischer Mann habe ich in vielen Punkten immer noch die „privilegierten“ Karten gezogen. Ich finde es nur absolut inakzeptabel, dass diese Karten, diese Kategorien, eine Rolle spielen dürfen. Und das denke ich immer wieder, wenn ich den in Schland absolut alltäglichen Sexismus und Rassismus sehe, gleiches gilt für Antisemitismus, Islamophobie und eben auch (vielleicht weniger bedeutend, aber trotzdem ein Problem) „Lookism“ (hier im Sinne von alltäglicher Diskriminierung aufgrund des Aussehens – zu dick, zu krumme Nase, zu kurze Beine und eben auch die Frisur).

Wie mit solchen Dingen umgehen? Ignorieren und „In-sich-Hineinfressen“ wird zwar oft praktiziert, ist aber eigentlich keine Option – auch wenn man mit der Zeit im Überspielen immer besser wird, das werden einige kennen. Ganz gerne wird deshalb die positive Besetzung von Eigenschaften vorgeschlagen, also z.B. „hey, ich bin Moslem und trotzdem trink ich beim Fußball im Weserstadion ein Bier“ oder, in meinem Fall, „hey, Glatze, wie Jason Statham“ / „hey, Kevin, wie Kevin Spacey“. Das ist meistens nett, immer nett gemeint und definitiv besser als nichts, weil mühsam über Jahre aufgebaute Vorurteile langsam dekonstruiert werden. Aber es ist nur ein Anfang, und es ignoriert ein ganz gewaltiges Problem: was, wenn die „Betroffenen“ sich gar nicht über die dadurch endlich entideologisierten Merkmale definieren wollen?

Mir ist es – im Gegensatz zu manchen Deppen, denen ich begegne – absolut wurscht, dass ich Kevin heiße und Haarausfall hab. Vielleicht definiere ich mich z.B. darüber, um ein ganz einfaches Beispiel zu bringen, dass ich Faultiere cool finde. Und jemand, der schwul ist, betrachtet das vielleicht auch nicht unbedingt als seinen definierenden Lebensinhalt, sondern ist einfach ein leidenschaftlicher Fotograf. Einige Frauen zocken gerne, und das definiert sie vielleicht mehr als Brüste, oder? Und der Jude von nebenan geht vielleicht unglaublich gerne surfen, und das ist ihm viel wichtiger als die Religion, in die er hineingeboren wurde – und auch wenn es das nicht ist, können wir dann nicht noch viel Interessantes  über ihn und von ihm lernen?

Warum wollen so viele von uns das nicht sehen? Warum sind wir so oberflächlich, ja, so desinteressiert?

Weil es einfach ist.

Aber ich mag Komplexität. Und wenn du, lieber Lesender, die auch magst, dann lade ich dich herzlich ein, mit mir das zu leben und in die Welt rauszuschreien, was der große OZ (Friede seiner Asche) an tausende Wände geschrieben hat: fuck the norm!

Von Grenzen, Großstädten und der „Germanophonie“

Endlich wieder in London. In der Stadt, die auf mich schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt hat, vor allem abseits der Shoppingparadiese und Tourifallen. Dazu später mehr. Zunächst jedoch mein Weg auf die etwas in Mitleidenschaft gezogene (was erwartet man in London?) Couch in unserem Wohnzimmer (die Existenz eines solchen erwartet man in London eher nicht).

Wie hinlänglich bekannt sein dürfte, bin ich ein großer Freund der Reisefreiheit im Schengenraum, weshalb ich mich jedes Mal aufs Neue über die britischen Grenzkontrollen ärgere. Dieses Mal ist die britische Paranoia aber auf mich übergesprungen, weil ich – gerade angesichts der Verschärfung der Kontrollen dieser Tage – schon etwas Angst hatte, durch irgendwelche Fehler im Zuge der Totalüberwachung des Netzes auf irgendeiner kritischen Liste gelandet zu sein. Denn dafür reicht bekanntlich der falsche Name, wie ihr hier anschaulich sehen könnt.

Wie wahrscheinlich abzusehen war, war das bei mir nicht der Fall. Wäre ja auch noch schöner gewesen. Also konnte ich frohen Mutes eine insgesamt zufriedenstellende Wohnung in Beschlag nehmen. Weil ich da natürlich noch kein Internet habe, wird auch dieser Post gerade offline verfasst und später bei einem öffentlichen W-LAN hochgeladen.

Davon gibt es in Großstädten dank gewisser Café-Ketten zum Glück so einige. Für mich persönlich ist London aber nicht bloß irgendeine Großstadt, sondern schlicht die Großstadt. Das mag daran liegen, dass ich mit zärtlichen 15 Jahren zum ersten Mal hier war und mich die Mischung aus pubertärem Hormoncocktail und „wow-kann-man-hier-viel-machen“-Gefühl damals fast erschlagen hat. Diese Wahrnehmung ist aber genauso an persönliche Gefühle und Erlebnisse geknüpft wie an die unheimliche Herzlichkeit vieler Londoner (Immobilienmakler, ohne da verallgemeinern zu wollen, vielleicht mal ausgenommen).

Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe, die Stadt sei kalt. Das ist sie nur auf den ersten Blick, der vom London Eye oder der Tower Bridge aus auf sie geworfen wird. Für mich ist das wahre London das London der leicht bis mittelstark angetrunkenen Engländer in den Pubs in den Seitenstraßen. Das London des (zum Glück registrierten!) Klempners, der einem sofort und ungefragt erzählt, wie seine neunjährige Tochter ihn wegen seines Übergewichtes mobbt und wie sehr er sich auf seinen Zypern-Urlaub freut – „leaving this bloody weather here behind“. Das London des Kioskbesitzers aus Nigeria, der einem durch sein ausbaufähiges Englisch direkt ungewollt einen free ego push verpasst, aber an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht zu überbieten ist. Und ja, bis zu einem gewissen Grade sogar das London der Touris, zu denen man ja mal selbst gezählt hat und bei jedem Besuch einer Sehenswürdigkeit auch wieder etwas zählt.

Allgemein, Touris. Neben den sich unmöglich, aber nicht bösartig aufführenden Amis vom Nachbartisch, die mit einem immens großen Mitteilungsbedarf und einem unerschütterlichen Glauben in ihre Spanisch-Kenntnisse gesegnet sind (der eine Großvater väterlicherseits kam ja immerhin aus Kolumbien!), kommt man sich als Deutscher in dieser Stadt auch linguistisch schneller heimisch vor, als einem lieb sein kann. Das reicht vom Pärchen, das sich für sicher und unverstanden hält, wenn es seine Geheimnisse auf Deutsch austauscht (denkste), über grölende Jugendgruppen („ey Murat, wo bischt?!“) bis hin zu Reisegruppen („Folgt dem Schirm, die Toiletten sind einfach die Straße runter!“). In Analogie zur Frankophonie wäre deshalb fast schon die touribedingte Ausrufung der „Germanophonie“ angebracht, meiner Meinung nach. Auch wenn ich durch ihre faktische Existenz bereits jetzt vor Heimweh komplett geschützt bin, bin ich für jeden Tag dankbar, an dem uns ihre „Legalisierung“ erspart bleibt. Am deutschen Wesen sollte die Welt nun wirklich nicht schon wieder genesen, wenn selbst „linke“ Zeitungen nichts Besseres zu tun haben, als 80% eines Interviews mit einem Parteivorsitzenden für den permanenten Verweis auf seine herkunfts- oder viel mehr aussehensbedingte „Andersartigkeit“ zu nutzen.

Jedenfalls, um es kurz zu machen: es ist gut, wieder hier zu sein. Wenn auch diesmal in einem ganz anderen Kontext, oder vielleicht gerade deshalb. Und während ich, in Erinnerungen schwelgend, über die Tower Bridge schlendere, an den Touriabzockern im Shrek-Kostüm vor den Houses of Parliament vorbeihusche, mit einem Bier oder einem Cider in der Hand in einem Pub Fußball schaue, auf dem Weg zwischen Underground-Station und Wohnung das Emirates Stadium sehe oder mich auch nur mit besagtem Klempner unterhalte: ich habe das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Etwas pathetischer, mit Linkin Park gesprochen:

Fate had finally found me.

Hell, it’s about time…

Ja, es wurde Zeit. Und während die StarCraft2-Nerds unter euch noch über den Titel dieses Posts schmunzeln (der rauchende Space Marine ist aber auch zu gut), hier einige Antworten auf die drängendsten Fragen nach dem was/warum/wann/womit-hab-ich-das-verdient dieses Blogs. Gehen wir diese Themen chronologisch durch:

Ein allseits beliebtes und auch von mir intensiv genutztes soziales Netzwerk ist schlicht nicht die Plattform für all das, was ich mir gerne vom Herzen schreiben würde. Wer jetzt einwendet, bei meiner inflationären Posting-Rate hätte die Hälfte meiner Freunde in besagtem Netzwerk sowieso schon das automatische Verbergen meiner Beiträge aktiviert – jap. Aber die andere Hälfte, die mindestens einen von 100 Posts liest, wird wahrscheinlich bereits einen Rückgang „persönlicher“ Beiträge zugunsten politischer sowie (ab und an) musikalischer und manchmal auch fußballbezogener Inhalte festgestellt haben. Das sind alles Dinge, die mich beschäftigen, aber sie sind nicht alles. Während mein politischer Mitteilungsbedarf wohl weiterhin in besagtem Netzwerk seinen Ausdruck finden wird (teilweise aber sicher auch hier), wird ein Gutteil des Restes in diesem Blog landen. Die überwältigende Mehrheit selbst derjenigen, die meinen Beiträgen noch loyal folgen, wird sich zwar kaum hieher verirren, an alle, die es doch tun (und an alle anderen): fühlt euch wie zuhause, holt euch einen guten Drink, und vergesst das Eis nicht.

Okay, das „was“ und das „warum“ sind schon etwas ineinander übergegangen. Da sich dieses Muster bis hierhin bewährt hat, wird in diesem Absatz also auch das „wann“ anfangen. Zunächst jedoch die Antwort zum „warum“ des Titels dieses Blogs: nachdem eine sehr gute Freundin von mir vor einiger Zeit ihre Begeisterung für Eiswürfelmaschinen geäußert hat (die ich absolut teile!), habe ich seit mittlerweile gut zwei Wochen auch privat mit Eis zu tun. Leider in erster Linie mit Kühlpacks, die nach meinen beiden Weisheitszahn-OPs auf meinen Hamsterbacken landen. Nachdem ich die zweite OP heute relativ unbeschadet überstanden habe und mich die daraus resultierenden Einschränkungen tierisch nerven, liegt es also durchaus nahe, die erzwungene Untätigkeit zumindest etwas abzumildern – und das soll hier geschehen. Womit wir beim „wann“ meiner Aktivitäten hier wären: in Zeiten der Untätigkeit, und wenn mir danach ist. Wie sich das entwickelt, bleibt abzuwarten.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich manchmal vor Ideen kaum retten kann und dann wieder (mehr oder minder) „kreative Pausen“ einlegen muss. Meine Posting-Rate wird das wahrscheinlich widerspiegeln.

Abschließend: Das „womit-hab-ich-das-verdient“ ist so wichtig, dass die Antwort darauf einen eigenen Absatz bekommt. Und diese Frage soll mit einem der sehr, sehr seltenen religiösen Bezüge auf diesem Blog beantwortet werden – wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Ich habe also Grund zur Annahme, dass ihr es nicht besser verdient habt. Aus purem Mitleid aber ein Pro-Tipp, falls meine Worte euch zu sehr fesseln: ALT+F4 bereitet dem Trauerspiel ein Ende.

In diesem Sinne, auf ein gutes Miteinander!

Enjoy cold.