Koalitionsverhandlungen: einer muss sich „opfern“

„Denke ich an Deutschland in der Nacht…“, dann bin ich – aufgrund einer gewissen Abhärtung, die man wohl mit der Zeit entwickelt – zum Glück nicht mehr sofort um den Schlaf gebracht. Trotzdem ist die Koalitionsbildung in Deutschland gerade spannend wie selten. Zunächst allerdings eine kurze Analyse der Dinge, zu denen es sicher nicht kommen wird:

Eine absolute Mehrheit für die Union. Klar, die schließt (inzwischen) selbst das Wahlergebnis aus. Und das finde ich begrüßenswert, gerade europapolitisch. Denn eine absolute Mehrheit hätte, überspitzt gesagt, nicht nur den Verwesungsgeruch der beinahe monarchischen Adenauer-Ära zurück in den Bundestag getragen, sondern auch Frau Merkel ernsthafte Probleme bereitet, ihre Politik durchzusetzen. Denn der rechte Rand ihrer Partei (Bosbach) und insbesondere der CSU (Dobrindt, Gauweiler…) hätte sicher aus „Gewissensgründen“ z.B. gegen weitere Griechenlandhilfen gestimmt, so diese denn gebraucht werden (wer glaubt das Gegenteil?). So hätten also Querköpfe, denen selbst Merkels Europapolitik noch zu „weich“ ist, höchstwahrscheinlich baldige Neuwahlen herbeigeführt. Das wäre nicht nur demokratietheoretisch alles andere als wünschenswert, sondern würde höchstwahrscheinlich auch den Einzug der AfD in den Bundestag bedeuten, was die eventuellen Zugewinne von Rot-Grün mit einem ganz bitteren Beigeschmack versehen würde.

Rot-Rot-Grün. Klar, aktuell gibt es viele Rufe, diese (lediglich parlamentarische) linke Mehrheit zu nutzen (Schwarz-Gelb-Blau kommt zusammen ja immerhin auf knapp 52%). Im Augenblick kann das aber keine Option sein: zunächst würde die SPD das Ypsilanti-Phänomen aus Hessen wiederholen, und ich finde, dass die Wählerinnen und Wähler sich zumindest auf einige grundsätzliche Äußerungen auch nach der Wahl verlassen können müssen (dass die SPD da selber, wie quasi alle Parteien, „Verbesserungsbedarf“ hat, wird wohl niemand leugnen).Viel wichtiger ist aber in der Tat die Frage, wie regierungsfähig denn diese Linke ist – sorry für die Phrasendrescherei. Ich meine das gar nicht mal in Bezug auf Forderungen wie den NATO-Austritt Deutschlands (genug Pragmatismus, um diese Forderung fallen zu lassen, traue ich der Linken zu), sondern schlicht in der Verlässlichkeit ihrer Abgeordneten. Rot-Rot-Grün hätte nur eine hauchdünne Mehrheit, und was die Zuverlässigkeit des Abstimmungsverhaltens einiger Parlamentarier der Linken angeht, macht man der CSU Konkurrenz. Ich möchte kurz an Dieter Dehms Plädoyer erinnern, man solle doch Assad bei seinem „antiimperialistischen Kampf“ unterstützen (die Rechtfertigung im Bundestag ist hier zu finden. Der Aufruf selber, den ich leider nicht mehr online finden kann, war allerdings alles andere als kriegsablehnend, sondern ein schlichter Aufruf zur Solidarität mit Assad). Dass die Situation in Syrien nicht schwarz-weiß ist, sollte klar sein, aber sich klar auf der Seite eines Massenmörders zu positionieren, weil er den gleichen Feind hat (die grundsätzlich bösen Amis), ist bestenfalls strohdoof. Und von solchen Leuten soll eine Regierungsmehrheit abhängen? Das wäre schlicht unverantwortlich, und wenn man sich das bisherige Abstimmungsverhalten der Linken in Europafragen ansieht, oft vom antieuropäischen Populismus geleitet (deutsches Steuergeld schützen), ansonsten die Realität aus den Augen verlierend (Vertrag von Lissabon), verstärkt sich dieser Eindruck. Der Ball liegt daher bei der Linken: sie muss in ihren Reihen klarmachen, was geht und was nicht (man denke an den Kreisverband Duisburg, der der Meinung ist,  Juden seien die wahren Nazis – so ein Hakenkreuz im Davidstern, wunderbar…). Das würde anderen Parteien aber natürlich auch gut zu Gesicht stehen – ich werfe mal kurz den Namen Thilo Sarrazin in den Raum.

Schwarz-Dunkelrot. Wobei, das wäre mal lustig… 😉

Nach dieser ausführlichen Beschreibung dessen, was nicht geht, nun zu den Optionen, die möglich sind:

Eine große Koalition, der von so vielen Deutschen gewünschte „Stabilitätsanker“. Dass so eine Koalition quasi immer eine eigene Mehrheit zustande bringen würde, dürfte klar sein. Das hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: da die Regierung ca. drei Viertel der Sitze hätte, wäre die Opposition den beiden kleinsten Parteien im Bundestag überlassen. Und dass die SPD durch eine Regierungsbeteiligung die Möglichkeit verliert, ihr Profil für die nächste Wahl zu schärfen, hat man bereits 2009 gesehen. Gerade in Kombination mit dem aktuellen Absturz der Grünen wäre ein starker Kanzlerkandidat der SPD (oder endlich mal eine Kandidatin) 2017 aber wichtig, um klare Alternativen im Wahlkampf zu schaffen. Wobei da natürlich auch immer die Union mitspielen muss, in diesem Wahlkampf hat sie ja einfach schamlos populäre Teile des SPD-Wahlprogramms übernommen, um sich dann als „vernünftigere SPD mit Merkel“ hinstellen zu können – 2017, ohne Merkel, könnte das dennoch anders aussehen. Im Unterschied zu 2005 wäre die SPD diesmal aber auch der eindeutige Juniorpartner: das, was sie durchsetzen kann, wird sich Frau Merkel (bei Erfolg) ans Revers heften, und bei Scheitern wird natürlich die SPD als verantwortlich dargestellt – das Ergebnis hat man bereits 2009 gesehen, und da war die SPD wie gesagt in einer deutlich stärkeren Ausgangslage, als sie in die Koalition gegangen ist. Überhaupt stellt sich die Frage, wie viel die SPD in einer großen Koalition durchsetzen könnte: Frau Merkels Kurs lediglich abzunicken (oder ihn gar zu verschlimmbessern, wie es die FDP ab und an gerne getan hat – mit Ausnahme der Vorratsdatenspeicherung, vor der ich bei einer großen Koalition Angst hätte), kann nicht das Ziel sozialdemokratischer Politik sein und würde unsere europäischen Freunde zu Recht enttäuschen.

Wäre Schwarz-Grün besser? Kaum. Zwar gäbe es eine starke Opposition, aber die Grünen fürchten sich zu Recht davor, in einer solchen Konstellation die nächste FDP zu werden. Auch wenn Teile der Partei erstaunlich opportunistisch geworden sind, finde ich es verständlich, dass der Rest sich nicht unbedingt in die Arme der „schwarzen Witwe“ werfen möchte. Außerdem würden die Grünen – bei ihrem Ergebnis und bei dem von Frau Merkel – in einer schwarz-grünen Koalition möglicherweise geradezu zerquetscht werden, denn selbst die CSU ist stärker in diesem Bundestag vertreten als die Grünen. Noch weniger als die SPD hätten die Grünen also die Möglichkeit, eigene Inhalte umzusetzen; es bliebe lediglich die Aussicht, für dieses Versagen 2017 radikal abgestraft zu werden. Auch keine rosige Perspektive.

Bleibt mein Fazit: eine der beiden Parteien, SPD oder Grüne, muss sich „opfern“ – und dann versuchen, trotzdem das Beste daraus zu machen, auch wenn das schwer wird. Ein inhaltlich guter Koalitionsvertrag ist dafür eine essentielle Basis. Neuwahlen zum jetzigen Zeitpunkt würden nur zulasten der beiden Parteien gehen und uns höchstwahrscheinlich mit AfD und/oder FDP im Parlament „beglücken“, evtl. auch mit der absoluten Mehrheit für die Union. Gerade ersteres kann sich niemand ernsthaft wünschen; trotzdem bleibt die „Neuwahl-Keule“ eine starke Waffe Frau Merkels.

In diesem Sinne, liebe SPD, liebe Grüne: Augen auf und durch. Und zwar so, dass ich auch in Zukunft noch einigermaßen schlafen kann.

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Von Grenzen, Großstädten und der „Germanophonie“

Endlich wieder in London. In der Stadt, die auf mich schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt hat, vor allem abseits der Shoppingparadiese und Tourifallen. Dazu später mehr. Zunächst jedoch mein Weg auf die etwas in Mitleidenschaft gezogene (was erwartet man in London?) Couch in unserem Wohnzimmer (die Existenz eines solchen erwartet man in London eher nicht).

Wie hinlänglich bekannt sein dürfte, bin ich ein großer Freund der Reisefreiheit im Schengenraum, weshalb ich mich jedes Mal aufs Neue über die britischen Grenzkontrollen ärgere. Dieses Mal ist die britische Paranoia aber auf mich übergesprungen, weil ich – gerade angesichts der Verschärfung der Kontrollen dieser Tage – schon etwas Angst hatte, durch irgendwelche Fehler im Zuge der Totalüberwachung des Netzes auf irgendeiner kritischen Liste gelandet zu sein. Denn dafür reicht bekanntlich der falsche Name, wie ihr hier anschaulich sehen könnt.

Wie wahrscheinlich abzusehen war, war das bei mir nicht der Fall. Wäre ja auch noch schöner gewesen. Also konnte ich frohen Mutes eine insgesamt zufriedenstellende Wohnung in Beschlag nehmen. Weil ich da natürlich noch kein Internet habe, wird auch dieser Post gerade offline verfasst und später bei einem öffentlichen W-LAN hochgeladen.

Davon gibt es in Großstädten dank gewisser Café-Ketten zum Glück so einige. Für mich persönlich ist London aber nicht bloß irgendeine Großstadt, sondern schlicht die Großstadt. Das mag daran liegen, dass ich mit zärtlichen 15 Jahren zum ersten Mal hier war und mich die Mischung aus pubertärem Hormoncocktail und „wow-kann-man-hier-viel-machen“-Gefühl damals fast erschlagen hat. Diese Wahrnehmung ist aber genauso an persönliche Gefühle und Erlebnisse geknüpft wie an die unheimliche Herzlichkeit vieler Londoner (Immobilienmakler, ohne da verallgemeinern zu wollen, vielleicht mal ausgenommen).

Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe, die Stadt sei kalt. Das ist sie nur auf den ersten Blick, der vom London Eye oder der Tower Bridge aus auf sie geworfen wird. Für mich ist das wahre London das London der leicht bis mittelstark angetrunkenen Engländer in den Pubs in den Seitenstraßen. Das London des (zum Glück registrierten!) Klempners, der einem sofort und ungefragt erzählt, wie seine neunjährige Tochter ihn wegen seines Übergewichtes mobbt und wie sehr er sich auf seinen Zypern-Urlaub freut – „leaving this bloody weather here behind“. Das London des Kioskbesitzers aus Nigeria, der einem durch sein ausbaufähiges Englisch direkt ungewollt einen free ego push verpasst, aber an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht zu überbieten ist. Und ja, bis zu einem gewissen Grade sogar das London der Touris, zu denen man ja mal selbst gezählt hat und bei jedem Besuch einer Sehenswürdigkeit auch wieder etwas zählt.

Allgemein, Touris. Neben den sich unmöglich, aber nicht bösartig aufführenden Amis vom Nachbartisch, die mit einem immens großen Mitteilungsbedarf und einem unerschütterlichen Glauben in ihre Spanisch-Kenntnisse gesegnet sind (der eine Großvater väterlicherseits kam ja immerhin aus Kolumbien!), kommt man sich als Deutscher in dieser Stadt auch linguistisch schneller heimisch vor, als einem lieb sein kann. Das reicht vom Pärchen, das sich für sicher und unverstanden hält, wenn es seine Geheimnisse auf Deutsch austauscht (denkste), über grölende Jugendgruppen („ey Murat, wo bischt?!“) bis hin zu Reisegruppen („Folgt dem Schirm, die Toiletten sind einfach die Straße runter!“). In Analogie zur Frankophonie wäre deshalb fast schon die touribedingte Ausrufung der „Germanophonie“ angebracht, meiner Meinung nach. Auch wenn ich durch ihre faktische Existenz bereits jetzt vor Heimweh komplett geschützt bin, bin ich für jeden Tag dankbar, an dem uns ihre „Legalisierung“ erspart bleibt. Am deutschen Wesen sollte die Welt nun wirklich nicht schon wieder genesen, wenn selbst „linke“ Zeitungen nichts Besseres zu tun haben, als 80% eines Interviews mit einem Parteivorsitzenden für den permanenten Verweis auf seine herkunfts- oder viel mehr aussehensbedingte „Andersartigkeit“ zu nutzen.

Jedenfalls, um es kurz zu machen: es ist gut, wieder hier zu sein. Wenn auch diesmal in einem ganz anderen Kontext, oder vielleicht gerade deshalb. Und während ich, in Erinnerungen schwelgend, über die Tower Bridge schlendere, an den Touriabzockern im Shrek-Kostüm vor den Houses of Parliament vorbeihusche, mit einem Bier oder einem Cider in der Hand in einem Pub Fußball schaue, auf dem Weg zwischen Underground-Station und Wohnung das Emirates Stadium sehe oder mich auch nur mit besagtem Klempner unterhalte: ich habe das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Etwas pathetischer, mit Linkin Park gesprochen:

Fate had finally found me.

Chelsea Manning, oder: Der Hang zum Biologismus

Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: der Mensch, den die Öffentlichkeit als Bradley Manning kannte und für seine Enthüllungen für WikiLeaks entweder gefeiert oder gehasst hat, hat gestern Folgendes erklärt:

„I am Chelsea Manning. I am a female. Given the way that I feel, and have felt since childhood, I want to begin hormone therapy as soon as possible. I hope that you will support me in this transition. I also request that, starting today, you refer to me by my new name and use the feminine pronoun […]“ (das ganze Statement u.a. hier)

Damit sollte der Fall eigentlich klar sein: Chelsea Manning bringt klar zum Ausdruck, wer sie ist, ja, schon immer gewesen ist; und dass sie bitte entsprechend angesprochen werden möchte. Zwei meiner englischen Lieblingszeitungen, der Guardian und der Independent, kommen dieser naheliegenden Bitte (in meinen Augen: logischerweise) auch umgehend nach und schreiben in ihren Artikeln „she“ (siehe hier bzw. hier).

Doch scheinbar sollte man auch in Gesellschaften, die das Recht eines jeden Menschen auf freie Selbstbestimmung gebetsmühlenartig betonen, nicht „zu viel“ erwarten – und inwieweit wir es hier überhaupt mit „freier Selbstbestimmung“ zu tun haben, werde ich später kurz thematisieren. Jedenfalls sieht der Telegraph keinen Grund, Manning als das zu akzeptieren, was sie ist, und schreibt ihr konsequent ein Geschlecht auf den Leib, das sie nie hatte (was sich in der Mitte des Artikels dann doch ändert – zumindest den Vorwurf der Inkonsequenz muss sich der Telegraph aber gefallen lassen).

Wer das nun für ein Phänomen der eher konservativen Presse hält, wird spätestens im internationalen Vergleich eines besseren belehrt: in Frankreich wird das Beharren der linken „Libération“ auf die „männlichen“ Pronomen noch von der liberalen „Le Monde“ übertroffen, die direkt titelt: „Bradley Manning: <<Je suis Chelsea. Je suis une femme.>>“ , womit Chelsea Mannings natürlichste aller Aussagen als bloßes Statement eines „Bradley“ verkauft wird – von der auch hier zu beobachtenden konsequenten Verwendung des „il“ ganz zu schweigen. Und alle Vorzeigepatrioten wird besonders freuen, dass die Situation in Deutschland noch schlimmer aussieht: während viele Websites der großen Zeitungen nur mit einem kurzen Video berichten, legt die „Zeit“ die gleiche „pronomenbezogene Ignoranz“ an den Tag wie viele Medien aus anderen Ländern. Die Spitze des Eisberges ist die Schlagzeile des „manager magazin“: „Bradley Manning erklärt sich zur Frau“.

Warum ich das schlimm finde? Weil einem Menschen hier schlicht verwehrt wird, er selbst zu sein. Und „er“ ist in diesem Fall „sie“. Selbst wenn es sich um eine freie Entscheidung handelte – und das ist mehr als fraglich – hätte in einer fortschrittlichen Gesellschaft niemand das Recht, Manning vorzuschreiben, wie sie zu leben hat. Da ich aber davon ausgehe, dass Mannings Aussage stimmt und sie sich bereits als Kind als Frau gefühlt hat, werden hier also biologische Merkmale instrumentalisiert, um einem Menschen seine „richtige“ Existenz zu verbieten (nämlich die, die dieser Mensch selber als seine empfindet). Nebenbei: ist das Gehirn (und das davon ausgehende „Geschlechtsempfinden“) nicht auch etwas sehr biologisches? Warum sollte das unwichtiger sein als Geschlechtsorgane?

Aber gehen wir einmal rein hypothetisch davon aus, Chelsea Manning hätte sich ohne jegliche Veranlagung von heute auf morgen dafür entschieden, als Frau zu leben. So unwahrscheinlich das auch sein mag: wie könnte das eine Rechtfertigung sein, einem Menschen seine Selbstbestimmung zu verweigern?

Diejenigen, die mit mir vor einem Jahr droit hatten, mögen das Argument des Naturrechtes bringen, um gegen „gesellschaftliche Beliebigkeit“ im Umgang mit Menschen zu argumentieren – im Extremfall mit dem Fakt, dass die Nazis den Juden das „Menschsein“ aberkannt haben, weshalb wir uns stärker an der Natur orientieren müssen. Ja, warum sagen wir dann nicht einfach, dass jeder Mensch ein Mensch ist? Und zwar unabhängig von Geschlecht, Aussehen etc. – denn, oh Wunder, auch die Nazis hatten „gute“ biologische Gründe, um die Unterlegenheit anderer „Rassen“ zu begründen. Rudolf Heß hat einmal gesagt, Nationalsozialismus sei nichts als „angewandte Biologie“, und bei allem Respekt vor den vielen Biologen, die viel Gutes für diese Welt tun: hat dieser Nazi-Verbrecher damit so Unrecht?

Ständig erscheinen Studien, die uns erzählen wollen, Frauen könnten weniger gut räumlich denken, Männer könnten schlechter emotional denken etc. Ganz davon abgesehen, dass das Klischee von „Jägern und Sammlern“ selbst inzwischen einigermaßen ins Wanken gerät, müssen wir uns doch eine ganz entscheidende Frage stellen: inweiweit sollen wissenschaftliche Erkenntnisse, so richtig sie auch sein mögen, unser gesellschaftliches Zusammenleben beeinflussen?

Sollen Männer nur noch als Fortpflanzungsmaschinen und auf dem Bau eingesetzt werden, weil sie (biologisch betrachtet) eher schwanzgesteuerte Kraftmonster sind? Ein Beziehungs- und Denkverbot wäre doch mal eine tolle Konsequenz. Und Frauen, die Auto fahren – ein Graus! Das können die doch räumlich gar nicht erfassen! Gut, dass Länder wie Saudi-Arabien solchen Undingen einen Riegel vorschieben. Und außerdem, mit dem belgischen Ackergaul darf man den edlen Lippizaner doch nicht kreuzen – warum erinnert mich das bloß an die „Reinheit des Blutes“, die schon einmal auf deutschem Boden gepredigt wurde?…

Eine Gesellschaft sollte Menschen als das betrachten, als das sie sich selber sehen. Eine Gesellschaft sollte Menschen die Möglichkeit geben, sie selbst zu sein. Eine Gesellschaft sollte Menschen die Möglichkeit geben, zu leben.

Faszinierende Schubladen

Nein, hier geht es ausnahmsweise nicht um die von mir bereits oft genug angegriffenen Schubladen, in die Menschen allzu gerne gesteckt werden. Menschen in Schubladen zu packen ist keine gute Idee – Dinge von ihnen oder über sie umso mehr (es sei denn, man ist von Beruf Geheimdienstler). Man vergisst diese Dinge, und irgendwann findet man sie wieder.

It’s a long walk down those tracks, it’s a dirty walk in, it’s a dirty walk back.

Wenn die Red Hot Chili Peppers es auch in einem anderen Kontext meinen: falsch ist das Zitat sicher nicht, wenn man in die eigene Vergangenheit schaut. Und da ich gestern Nacht mehr als genug Zeit zum Verwüsten der Schublade meines Nachttisches hatte (die definitiv meine Lieblingsschublade ist), entdeckte ich zwischen geschnorrten Pokémon- und Yu-Gi-Oh-Karten sowie alten Paninialben (Toy Story 2 hatte ich vollständig!) so einiges. Hier mögliche Schlussfolgerungen:

1. Postkarten sind klasse. Vor allem dann, wenn sie nicht bloß das übliche „Das Wetter ist toll“ enthalten, sondern individueller sind und einen bestimmten Zeitpunkt im Verhältnis zweier Personen festhalten, und sei es noch so sehr „zwischen den Zeilen“.

2. Gleiches gilt für Briefe. Wobei die natürlich noch krasser sind.

3. Man hätte nun auch nicht jede Telefonketten-Liste behalten und „aufräumen“ müssen.

4. J’ai constaté que la douleur était une bonne source d’inspiration. Treffender als Grand Corps Malade im sehr hörenswerten Slam-Track „Je Dors Sur Mes Deux Oreilles“ kann man es wohl kaum ausdrücken. Die besten Dinge schreibe ich in der Tat, wenn ich extrem down bin und/oder sauer auf Personen, die Welt oder einfach nur auf mich selbst bin.

5. Vieles ist zeitloser, als ich dachte. Einiges würde ich heute noch so schreiben, anderes nicht. Alles sind unglaublich wertvolle Momentaufnahmen.

6. Ich werde Schubladen im Allgemeinen und meine Nachttischschublade im Besonderen weiterhin pflegen. Eine bessere Konservierung (quasi wie durch Schockfrosten, höhö) kann es kaum geben.

Hell, it’s about time…

Ja, es wurde Zeit. Und während die StarCraft2-Nerds unter euch noch über den Titel dieses Posts schmunzeln (der rauchende Space Marine ist aber auch zu gut), hier einige Antworten auf die drängendsten Fragen nach dem was/warum/wann/womit-hab-ich-das-verdient dieses Blogs. Gehen wir diese Themen chronologisch durch:

Ein allseits beliebtes und auch von mir intensiv genutztes soziales Netzwerk ist schlicht nicht die Plattform für all das, was ich mir gerne vom Herzen schreiben würde. Wer jetzt einwendet, bei meiner inflationären Posting-Rate hätte die Hälfte meiner Freunde in besagtem Netzwerk sowieso schon das automatische Verbergen meiner Beiträge aktiviert – jap. Aber die andere Hälfte, die mindestens einen von 100 Posts liest, wird wahrscheinlich bereits einen Rückgang „persönlicher“ Beiträge zugunsten politischer sowie (ab und an) musikalischer und manchmal auch fußballbezogener Inhalte festgestellt haben. Das sind alles Dinge, die mich beschäftigen, aber sie sind nicht alles. Während mein politischer Mitteilungsbedarf wohl weiterhin in besagtem Netzwerk seinen Ausdruck finden wird (teilweise aber sicher auch hier), wird ein Gutteil des Restes in diesem Blog landen. Die überwältigende Mehrheit selbst derjenigen, die meinen Beiträgen noch loyal folgen, wird sich zwar kaum hieher verirren, an alle, die es doch tun (und an alle anderen): fühlt euch wie zuhause, holt euch einen guten Drink, und vergesst das Eis nicht.

Okay, das „was“ und das „warum“ sind schon etwas ineinander übergegangen. Da sich dieses Muster bis hierhin bewährt hat, wird in diesem Absatz also auch das „wann“ anfangen. Zunächst jedoch die Antwort zum „warum“ des Titels dieses Blogs: nachdem eine sehr gute Freundin von mir vor einiger Zeit ihre Begeisterung für Eiswürfelmaschinen geäußert hat (die ich absolut teile!), habe ich seit mittlerweile gut zwei Wochen auch privat mit Eis zu tun. Leider in erster Linie mit Kühlpacks, die nach meinen beiden Weisheitszahn-OPs auf meinen Hamsterbacken landen. Nachdem ich die zweite OP heute relativ unbeschadet überstanden habe und mich die daraus resultierenden Einschränkungen tierisch nerven, liegt es also durchaus nahe, die erzwungene Untätigkeit zumindest etwas abzumildern – und das soll hier geschehen. Womit wir beim „wann“ meiner Aktivitäten hier wären: in Zeiten der Untätigkeit, und wenn mir danach ist. Wie sich das entwickelt, bleibt abzuwarten.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich manchmal vor Ideen kaum retten kann und dann wieder (mehr oder minder) „kreative Pausen“ einlegen muss. Meine Posting-Rate wird das wahrscheinlich widerspiegeln.

Abschließend: Das „womit-hab-ich-das-verdient“ ist so wichtig, dass die Antwort darauf einen eigenen Absatz bekommt. Und diese Frage soll mit einem der sehr, sehr seltenen religiösen Bezüge auf diesem Blog beantwortet werden – wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Ich habe also Grund zur Annahme, dass ihr es nicht besser verdient habt. Aus purem Mitleid aber ein Pro-Tipp, falls meine Worte euch zu sehr fesseln: ALT+F4 bereitet dem Trauerspiel ein Ende.

In diesem Sinne, auf ein gutes Miteinander!

Enjoy cold.