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Von Kategorisierungswut und verwandten Unsitten

War ja abzusehen. Kaum hat ein wunderbarer Text wie der von Julia Engelmann nach einigen Monaten endlich den Internet-Erfolg, den er verdient hat, schon schreiben genau diejenigen Personen über dieses „Phänomen“, die nicht wissen, was ein Poetry Slam überhaupt ist und zu Hause immer noch „Else, hör auf zu telefonieren, ich will ins Internet!“ rufen. Das betrifft leider auch einige Köpfe in den Leitmedien; so schreibt die SZ z.B. von Kalkulation und Ästhetik. Und ganz davon abgesehen, dass ich mich jetzt ganz Hipster-mäßig hinstellen und „yeah, ich kannte sie, bevor sie mainstream wurde!“ rufen könnte (Slammerfilet ftw! Auch wenn man ganze drei Mal zu unorganisiert war, mich auch nur einmal auf die Bühne zu lassen. Mit x-monatiger vorheriger Anmeldung. Aber diese persönliche Frustration tut jetzt nichts zur Sache 😉 ), geht es mir eigentlich um was ganz anderes. Nicht um den Text (dessen Qualität und die Art des Vortrages sind dafür imho viel zu ersichtlich), sondern um die Art und Weise, wie er größtenteils aufgenommen wurde.

Denn da kann man mal wieder das beobachten, was ich „Kategorisierungswut“ oder „Schubladenzwang“ nenne. Ein guter Text darf nicht einfach nur ein guter Text sein, nein, er muss auch gleich wieder alles über die Urheberin verraten. Ist sie jetzt postpubertär, kindlich-naiv (wie man alles schon lesen konnte) oder hat sie doch nur „larmoyante Zukunftsangst“ (wobei „letztverlinkter“ Artikel gar nicht mal unterirdisch ist)?

Gegenfrage: gibt es etwas Unwichtigeres?

Warum betrachtet man nie wirklich die Handlungen, sondern sucht nur nach Rückschlüssen auf die handelnden Personen? Warum machen Kleider Leute? Warum werden sexuelle oder religiöse Ausrichtung direkt definierende Kriterien, sobald sie von der (in unserer Gesellschaft vorherrschenden) hetero-christlichen Norm abweichen (und warum werden Fragen wie „bist du schwul?“ noch immer so gestellt und aufgefasst, dass man(n) „NEIN!!!!“ antwortet statt „nö, aber danke der Nachfrage“, sofern es nicht zutreffend ist)? Warum sollte das Aussehen irgendwas über irgendwelche Einstellungen einer Person oder direkt über diese Person selbst aussagen („Nase – Jude“ (antisemitisches Klischee); „Skinhead – Nazi“; „Nicht-weiß – ‚undeutsch'“…)? Warum sollte die dämliche Ranking-Position einer Uni, an der wir studieren, irgendetwas über unsere Einstellungen zu „Eliten“ aussagen? Warum kann man nicht sagen, dass das Bankensystem jetzt nicht so ideal funktioniert, ohne als Kommunist dazustehen (ein Wort, was auch noch mit seiner McCarthy-Konnotation behaftet ist – das wird man wohl noch sagen dürfen! 😉 )? Kurz: warum sehen wir nicht einfach eine Aussage / ein Merkmal, wie sie / es ist, und einen Menschen, wie er ist? Warum krampfhaft irgendwelche Projektionen auf den „Gesamtmenschen“ anstellen?

Das alles sind nur einige Beispiele unter sehr, sehr vielen. Meine Schlussfolgerung daraus ist ein kurzer Appell: die Frage „are we human or are we dancer“ ist keine Frage, wo die eine Antwortoption die andere ausschließt – dancers sind humans, die in dem speziellen Moment eben dancen. Lasst uns den Menschen sehen; und lasst uns seine Handlungen (und von mir aus auch sein Aussehen, wenn es denn sein muss…) sehen, aber stopfen wir ihn deshalb nicht gleich in irgendwelche Kategorien.

Und falls jemand diesen Text zu Ende gelesen hat und der Meinung ist, er würde irgendetwas über mich aussagen: schön, wenn der Text Denkanstöße gegeben hat, genau solche Schlussfolgerungen nicht mehr anzustellen. Wenn nicht: viel Spaß in einer Welt, deren Fortschritt ihr tagtäglich verhindert und trotzdem rumheult, wenn eure Methoden mal auf euch angewandt werden.

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