Schlagwort-Archive: Kapitalismus

Prostitution – the road to hell…

… is paved with good intentions. Nachdem ich gerade realisiert habe, dass mein letzter Blogpost nun bereits über zwei Monate her ist – ich bitte um Vergebung, aber ich bin nun mal in London -, wird es wohl Zeit, diesen Blog wiederzubeleben. Um diesem Versuch jedoch etwas interessanter und aufsehenserregender zu gestalten, bediene ich mich einer alten Weisheit: „Sex sells“. Denn um Sex plus ökonomische Verhältnisse soll es auch im Folgenden gehen – die schier endlose und oft sehr polemisch betrachtete Frage der Prostitution.

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, hat die französische Nationalversammlung neulich beschlossen, Freier grundsätzlich zu bestrafen. Das hat logischerweise eine riesige Diskussion losgetreten, inwieweit man Prostitution durch derartige Gesetze zurückdrängen kann (nicht diskutiert wurde, ob das als Selbstzweck wünschenswert ist – dazu später mehr). Und auch in Deutschland plant die Große Koalition (Im Falle ihres Zustandekommens) eine Reform des Prostitutionsgesetzes, gegen die mir wiederum keine nachvollziehbaren Einwände einfallen (außer der Umsetzbarkeit), geht es doch in erster Linie um den Kampf gegen die Zwangsprostitution.

Gute Ergänzungsideen kamen hier von den Grünen (z.B. unbedingt notwendige Aufenthaltsgenehmigungen für Frauen, die Opfer von Zwangsprostitution sind); viel interessanter für diesen Post sind jedoch die Einlassungen Alice Schwarzers. Provokativ wie eh und je, zogen die natürlich ebenso provokative Antworten nach sich, unter anderem die (überspitzte, aber lesenswerte) von Georg Diez.

Einige Links, ich weiß. Aber besonders Alice Schwarzers Formulierung „die Ware Frau“ finde ich extrem interessant – für Frau Schwarzer wird jede Frau in der Prostitution, ob gezwungen oder nicht, zu einer „Ware“ degradiert. Damit stimme ich absolut überein. Aber (und das ist jetzt der Punkt, an dem mein geneigter Leser rot anlaufen und den Shitstorm vorbereiten darf): vorausgesetzt, die Prostitution findet „freiwillig“ statt, sehe ich darin keinen fundamentalen Unterschied zu anderen körperlich beanspruchenden Jobs. Ein Bauarbeiter ist auch körperlichen Belastungen ausgesetzt; er hat sich trotzdem für diesen Job entschieden. Und das wohl kaum, weil er so gerne den ganzen Tag auf einer Baustelle schwitzt, sondern weil er in unserem System nun mal einen Weg finden muss, sein täglich Brot zu verdienen – und, unter diesen von vornherein gewaltig einschränkenden Umständen, hat er sich „freiwillig“ für das Bauarbeiterdasein entschieden. Oder denken wir an Soldaten, deren Job in der Regel noch ungleich gefährlicher als der der Bauarbeiter ist. Wenn wir Moralvorstellungen, die Sexarbeit von anderer Arbeit explizit trennen, mal kurz ausblenden: wo ist, rein rational betrachtet, der Unterschied? Den Begriff „Humankapital“ nur im Zusammenhang der Prostitution zu kritisieren, halte ich für unzureichend – aber genau das tut Frau Schwarzer, wenn ihr „Feminismus“ nur die „Ware Frau“ sieht, aber vor der „Ware Mensch“ die Augen verschließt.

Daher sehe ich Prostitution in der Tat als „Sexarbeit„; die Legalisierung durch Rot-Grün hätte mit (jetzt endlich nachgeholten?) verstärkten Maßnahmen gegen Zwangsprostitution einhergehen müssen, hat aber das Potenzial, Sexarbeiterinnen das Leben enorm zu erleichtern (durch das Eingeständnis, dass sie einen legalen Beruf ausüben, Sozialversicherung etc. inklusive). Wer sagt, man solle „an die Frauen denken“, sollte nicht die Konsequenzen der Illegalität unterschätzen, durch die den Betroffenen oft noch weniger geholfen ist.

Darum sehe ich auch den französischen Ansatz zur Kriminalisierung von Prostitution in einigen Punkten kritisch. Ich finde es zwar sehr richtig, dass in gewisser Weise „das Kräfteverhältnis“ umgedreht wird, da Prostituierte nun Freier anschwärzen können (vorausgesetzt, sie werden selber beschützt und nicht abgeschoben, wenn sie einen Migrationshintergrund haben – womit wir wieder bei den Schwächen auch der deutschen Reform wären). Gleichzeitig wird man Prostitution jedoch nicht auslöschen können; und eine Illegalisierung ist daher meiner Meinung nach ein Verschließen der Augen vor dem Problem der Zwangsprostitution (getreu dem Motto „ist ja alles gleich illegal, und wenn es verboten ist, passiert es nicht mehr“) und entzieht dazu noch den „freiwilligen“ Sexarbeiterinnen die Existenzgrundlage. Ersteres Problem ist in meinen Augen teilweise mit dem des Drogenkonsums zu vergleichen, bei dem die Illegalisierung auch vieles verschlimmert hat (Junkies trauen sich kaum, Hilfe zu suchen; von Drogenkriegen ganz zu schweigen). Mir ist allerdings bewusst, dass ein exzessiver Drogenkonsum „approved by the state“ auch eine Dystopie ist – gleichwohl ist dieser mit Alkohol bereits möglich und legal. Inwieweit verbreitete Prostitution „approved by the state“ akzeptabel / wünschenswert ist, ist nichtsdestoweniger natürlich eine sehr berechtigte Frage. Aber wenn es um den Opferschutz geht, sollte das Wohlergehen selbiger Opfer bei allen Überlegungen an erster Stelle stehen, auch wenn das eine „moralisch unschöne“ (kann man diskutieren) Legalisierung zur Folge hat.

Abschließend ein Vorschlag und zwei Bitten zum Thema Prostitution; zunächst der Vorschlag: lasst uns doch einfach der Zwangsprostitution den Boden entziehen, indem wir Kontrollen verstärken und Zwangsprostituierten glaubwürdige Ausstiegsmöglichkeiten bieten (ja, inkl. Aufenthaltstitel – als ob soooo unbeschreiblich viele Frauen sich selber in die Zwangsprostitution verkaufen würden, mit dem Ziel, vom deutschen Staat gerettet zu werden). Nun zu den Bitten: 1. Lasst uns die Sexarbeiterinnen, die nachweislich „freiwillig“ ihren Beruf ausüben, endlich respektieren (und den Zwangsprostituierten effizient helfen!); 2. Wenn wir den Begriff „freiwillig“ und die „Ware Frau“ kritisieren, dann bitte im weiteren Kontext, der z.B. nicht übersieht, dass die Kinder in der Fabrik, in der der Prozessor meines Notebooks und eures Gerätes hergestellt wurde, auch nur als „Waren“ betrachtet werden – das ist der Triumph des Ökonomischen über das Menschliche, und das ist sehr, sehr traurig, aber Realität.

Soweit meine Sicht der Dinge; möglichst sachliche Diskussionen sind mehr als willkommen. Aber denkt immer dran: the road to hell is paved with good intentions…