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Die Ukraine-Krise, oder: in Farbe kost‘ extra!

Eigentlich könnte ich mir diesen Eintrag sparen und schlicht auf den Postillon verweisen, der den Nagel (in diesem Fall: leider) auf den Kopf getroffen hat. Besondere Aufmerksamkeit sei der kleinen Überschriftensammlung geschenkt, die als Foto neben dem Artikel abgebildet ist. Angesichts so viel konzentrierter Einseitigkeit frage zumindest ich mich, ob wir den Sprung von Schwarz-Weiß auf Farbe vor einigen Jahrzehnten tatsächlich nur im Fernsehen geschafft und unser politisches Denken fest im Kalten Krieg verankert gelassen haben.

Um das direkt klarzustellen: Russlands Einmarsch auf der Krim war völkerrechtswidrig und die NATO plant meines Wissens nicht, den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen; und ich glaube, dass nicht mal die Springer-Medien oder Herr Blome beim Spiegel derartige Pläne verfolgen. Und um den allereinfachsten Erklärungsansatz direkt vom Tisch zu räumen: höchstwahrscheinlich stecken auch „die Juden“ nicht dahinter – sorry, liebe Verschwörungstheoretiker, „jüdische Weltverschwörung“ ham wa nich, hatten wa nie, kriegen wa auch nich rein.

Diese Faktoren sollten einen allerdings nicht dazu verleiten, von einer perfekten „Strategie“ des Westens auszugehen, der ja allgemein unfehlbar sein muss, weil… er das halt ist und wir das immer schon so gehandhabt haben! Genau das wird aber leider, leider von einigen Kommentatoren in (zu) vielen deutschen Medien betrieben; das jüngste Ärgernis, was meinen Augen untergekommen ist, war dieses hier (und wer jetzt eine krankhafte Obsession meinerseits mit dem Blatt feststellt, dessen Lektüre ich schon längst eingestellt haben sollte oder wollte – zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass meine Chrome-Extension mich immer wieder anpusht, aber ja, eine Therapie wäre eventuell angebracht).

Es kommt einigen Kommentatoren gar nicht in den Sinn, dass viele Deutsche, die sich eine „mittlere Position“ der BRD zwischen „dem Westen“ und Russland wünschen, damit eine vermittelnde, diplomatische Rolle meinen. Eine Rolle, in der Deutschland die Fehler auf allen Seiten (und idealerweise auch bei sich selbst) zu erkennen versucht und unter Partnern anspricht. Aber die „ideologische Nische“ des „Ihr seid doch alle anti-amerikanisch!“ ist natürlich deutlich bequemer. Dass es zu viel anti-amerikanisches Ressentiment in Deutschland gibt: klar. Dass Deutschland den USA sehr, sehr viel zu verdanken hat, steht ebenso außer Frage. Aber auch Freunde müssen sich nicht immer und überall einig sein!

Und was die USA angeht, hat Deutschland zusammen mit seinen europäischen Freunden doch teilweise abweichende Auffassungen in essentiellen Fragen: Europa führt nicht, wie aktuell Tennessee, den elektrischen Stuhl wieder ein, im Gegenteil, die Todesstrafe ist abgeschafft und der Export von Gift, das für Exekutionen genutzt wird, ist in meinen Augen absolut zu Recht verboten (allerdings sei hier angemerkt, dass sehr, sehr viele Amerikaner die Todesstrafe ablehnen und eine gesunde Abneigung gegen die „politische Kultur“ vornehmlich der Südstaaten entwickelt haben – es gibt nun mal keine „homogenen Länder“, das kann man nicht oft genug betonen). Außerdem war der Irak-Krieg nicht nur „unsinnig“, wie Sebastian Fischer es im oben verlinkten Spiegel-Artikel ausdrückt, sondern eine eklatante Völkerrechtsverletzung aus sehr zweifelhaften Gründen. Und dass gezielte Ermordungen eventuell Verdächtiger durch Drohnen ethisch sehr, sehr schwierig sind, ist meiner Meinung nach ebenfalls ein berechtigter Punkt, den man unter Freunden kritisieren kann.

An dieser Stelle ein kleines Gedankenexperiment: was wäre wohl in vielen deutschen Medien los, wenn Putin die Tötung durch Drohnen rechtfertigen oder Russland die Todesstrafe wiedereinführen würde? Zurecht gäbe es einen Sturm der Empörung, noch deutlich krasser als derjenige, den man bereits jetzt erlebt. Nun stelle ich die wohl provokativste Frage dieses Posts: würde diese Empörung wirklich aufgrund der Missachtung universeller Werte erfolgen? Dann müssten wir auch unserem Freund USA gegenüber empörter sein…

Wie gesagt, dumpfer Antiamerikanismus ist strohdoof. Aber so wie gewisse Amerikaner nicht müde werden, ihre (teils bedenklichen) Werte energisch gegenüber Europa zu vertreten, so sollten wir Europäer auch zu unseren Werten stehen – der Verbot des Exportes von Gift für Hinrichtungen ist da ein erster Schritt. Im Übrigen bezieht sich diese Forderung nicht nur auf Europas Verhältnis gegenüber anderen Staaten; wir haben auch genug Dreck vor unserer eigenen Tür, den wir wegkehren müssen, wenn wir unsere auf dem Papier schön klingenden Werte wirklich glaubhaft vertreten wollen (ich denke z.B. an Rüstungsexporte und das durch Europa mindestens mit-verantwortete massenhafte Sterben von refugees im Mittelmeer).

Mir geht es darum, dass Werte – zu denen die Einhaltung des Völkerrechtes zählt – schlicht und einfach universell sein sollten. Wenn Russland diese Werte verletzt, sollten wir das kritisieren, wenn die USA es tun, sollten wir ebenso handeln. Auch wenn Herr Schäuble, Herr Bouffier und co. es nicht begreifen können oder wollen: der Kalte Krieg ist vorbei. Außerdem ist Russland nicht mehr die Sowjetunion, das stelle man sich mal vor! (In diesem Kontext ist es übrigens auch eine absolute Unverschämtheit und Geschichtsvergessenheit, den sehr unterschiedlichen Nachfolgestaat eines fundamentalen Teiles des Bündnisses, das Deutschland vom Faschismus befreit hat, in seiner Vorgehensweise mit selbigem deutschen Faschismus gleichzusetzen – dazu bräuchte es sehr gute Gründe, und mir ist nichts von der industriellen Ermordung von Millionen Menschen durch Putins Russland bekannt.)

Abschließend sei gesagt, dass im November letzten Jahres die Berichterstattung in vielen deutschen Medien noch deutlich differenzierter war – dass das jetzt tendenziell eher abnimmt, ist schade, gerade im Kontext der doch sehr ähnlichen Wortwahl, die Regime in aller Welt verwenden, wenn sie gegen die sich auflehnende (warum auch immer) Bevölkerung vorgehen, man denke an den berühmten „Anti-Terror-Einsatz“. Spielt Counter-Strike gegen Bots, das ist friedlicher, und da gibt’s am Ende auch ein „Antiterror-Einheit gewinnt“.

tl; dr: Werte wie die Einhaltung des Völkerrechtes sollten als universell angesehen werden und Kritik an Verletzungen dieser Werten daher nicht auf einzelne Staaten beschränkt sein – oder vor ihnen haltmachen. Unter Partnern (und unter Freunden sowieso) sind unterschiedliche Auffassungen erlaubt. Etwas mehr Konsequenz vonseiten vieler deutscher Medien wäre daher wünschenswert.

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